Reisebericht: Der Enns-Radweg von Radstadt nach Steyr
10.07. bis 16.07.2009
Autorin: Christiane Fischer
Radstadt
Nach einer mehr als 6 Stunden dauernden Zugfahrt, die zum Schluss in eine immer bergigere Landschaft führt, erreiche ich meinen Ausgangsort Radstadt. Das Hotel ist nicht weit vom Bahnhof entfernt und nicht schwer zu finden. Nach einer herzlichen Begrüßung durch die Wirtin erhalte ich die Reiseunterlagen und wenig später mein Leihrad, das ich gleich für eine Radtour ennsaufwärts nutze. Die Enns ist hier noch ein kleiner Bach, der ruhig und gerade zwischen den Bergen fließt. Wer etwas mehr Zeit hat, kann auch einen Transfer nach Flachau zum Ennsursprung buchen und zurück nach Radstadt radeln. Die Landschaft hier ist sehr grün, es hat viel Wald, Landwirtschaft und ehemalige Heuhütten auf den Äckern. Zurück im Hotel fühle ich mich bei Spezialitäten wie Kasnocken endgültig in Österreich angekommen. Die nette Wirtin berichtet beim Abendessen viel Interessantes über Radstadt und die Sehenswürdigkeiten am Ennstal-Radweg.Nach dem Abendessen unternehme ich noch einen Spaziergang durch Radstadt, das im Bundesland Salzburg liegt und mit ca. 4.770 Einwohnern zu den größeren Orten auf meiner Reise zählt. Radstadt ist eher ein Wintersportort, hat aber im Sommer auch viel zu bieten. Neben der Besichtigung der Stadtpfarrkirche lohnt es sich, einen Spaziergang auf der ehemaligen Stadtmauer zu unternehmen oder einfach nur durch die Gassen zu bummeln und die schöne Architektur zu genießen.Den Abend lasse ich auf dem Balkon mit Blick auf die Berge und die Bergbauernhöfe, die langsam nur noch als Lichtpunkte wahrzunehmen sind, ausklingen. Ich genieße die gute Luft und die Stille, die sich langsam einstellt, bald ist nichts mehr zu hören außer dem Rauschen der Enns.
Radstadt – Öblarn
Das Frühstück morgens ist reichhaltig, das Wetter leider noch nicht ganz so gut. Die Wirtin verspricht aber, dass es im Laufe des Tages schön und sonnig werden wird. Ich unternehme noch einen Einkaufsbummel durch die kleinen Geschäfte in Radstadt, bevor ich losfahre. Der Radweg verläuft hier direkt neben der Enns, vorbei an Dörfern und Äckern, auf denen Bauern am Arbeiten sind. Die Strecke ist hier noch ziemlich eben, aber zu beiden Seiten des Tales erheben sich hohe Berge. Der Radweg ist perfekt ausgeschildert, so dass ich zwischendurch nicht anhalten muss, um auf der Karte nachzuschauen. Es ist sehr still im Ennstal und mir begegnen kaum andere Radler. Später erreiche ich Schladming, den bekannten Wintersportort in der Steiermark, in dem auch jetzt im Sommer viel Betrieb ist. Hauptsächlich Wanderer und Mountainbiker sind unterwegs und ich lege eine Pause ein, um mir den Ort anzusehen und Mountainbikern beim Downhillfahren zuzuschauen. Langsam kommt auch die Sonne durch und der Himmel wird blau. Weiter geht es entlang der Enns und ich finde eine Bank am Waldrand zum Pause machen. Wieder fällt mir die Stille hier in den Bergen auf. Wenig später halte ich erneut an, denn ich sehe eine flache Stelle an der Enns, ideal um ins Wasser zu gehen. Es ist eiskalt und eine angenehme Abkühlung, denn mittlerweile scheint die Sonne vom wolkenlosen Himmel. Von hier aus ist es nicht mehr weit bis zu meinem Übernachtungsort Öblarn, wo ich dem einladenden Schild „Freibad“ folge und den Nachmittag in einem wunderschönen kleinen Dorffreibad verbringe. Die Enns verläuft direkt neben dem Bad und liefert auch einen Teil des Wassers, daher ist es erfrischend kühl, genau das Richtige bei diesem Wetter und nach der Radtour.Das Abendessen wird im Garten des Gasthofes serviert. Nach den deftigen österreichischen Spezialitäten benötige ich noch etwas Bewegung und unternehme einen Spaziergang durch das Dorf, bevor ich in den gemütlichen Gasthof zurückkehre, wo ich gut schlafe.
Öblarn – Admont
Der Gasthof, in dem ich die letzte Nacht verbracht habe, liegt direkt am Radweg, so dass ich gleich weiterradeln kann. In Öblarn befindet sich im Haus der Schriftstellerin Paula Grogger ein Museum, in dem über ihr Leben informiert wird. Ich fahre jedoch gleich weiter zum Puttterersee bei Aigen und gehe baden, denn es scheint wieder ein heißer Tag zu werden. Der Himmel ist strahlend blau und der Ausblick auf die Berge ist traumhaft. Durch die frühe Zeit sind noch kaum Badegäste da und das Baden im wärmsten Alpenmoorsee der Steiermark macht besonders Spaß. Gerne wäre ich noch länger geblieben, aber ich habe noch einige Kilometer vor mir bis zu meinem Etappenziel Admont. Die Landschaft mit ihren verschiedenen Grüntönen ist heute besonders auffällig und erklärt den Namen „Die grüne Steiermark“. Es geht also durch grüne Wiesen, Äcker, vorbei an Bergen durch das Hinterland des Ennstales, nicht direkt am Fluß entlang. Der letzte Abschnitt der Tour ist besonders schön, denn er verläuft auf einer rückgebauten Straße, die nicht mehr befahren wird, aber sehr komfortabel für Radfahrer ist. Schon von weitem sehe ich die Türme des bekannten Stifts Admont. Für eine Besichtigung ist es heute zu spät, daher unternehme ich einen Schaufensterbummel durch den Ort und schaue die Stiftsanlage mit ihrem schönen Garten und Kräutergarten von außen an. Durch die späte Zeit habe ich den Garten fast für mich allein und bleibe dort am See bis zum Sonnenuntergang sitzen.
Admont – St. Gallen
Morgens besichtige ich das Benediktinerstift Admont, das älteste bestehende Kloster in der Steiermark, das im Jahre 1074 gegründet wurde. Neben der Stiftsbibliothek sind in dem Gebäude auch das Naturkunde- und Kunsthistorische Museum untergebracht. Besonders beeindruckend ist die riesige Bibliothek, die ca. 200.000 Bücher umfasst. Der Raum ist in drei Teile geteilt, hat in der Mitte eine Kuppel und neben den Büchern stehen im Raum verschiedene Skulpturen. Im Stift werden auch Handschriften gesammelt, wovon die ältesten aus dem 8. Jahrhundert stammen, sowie Inkunabeln. Im Naturkundemuseum gibt es nichts, was es nicht gibt: In verschiedenen Räumen sind unzählige Säugetiere, Insekten, exotische Schmetterlinge, Vögel, Fische und Meerestiere sowie Mineralien und Steine ausgestellt. Durch die vielfältigen Sehenswürdigkeiten im Stift kann man sich sehr lange dort aufhalten, nach einem abschließenden kurzen Besuch des Kunstmuseums verlasse ich dann aber Admont.Bald komme ich in den Nationalpark Gesäuse. Verglichen mit den ersten Etappen meiner Tour hat sich die Landschaft stark verändert. Das Tal ist enger und die Berge sind näher und schroffer. Der Radweg verläuft hügelig in Ennsnähe oder durch das Hinterland. Der Weg durchs Gesäuse, eine ca. 20 km lange Schlucht, ist beeindruckend, denn hier ist die Landschaft noch sehr ursprünglich und man spürt deutlich die Gewalt des Wassers. Die Enns ist hier wild und reißend und ihr Rauschen hat dem Engpass seinen Namen gegeben. Es gibt nur eine Straße, die sich durch das Tal windet und einige Tunnel an den Stellen, wo es keine andere Möglichkeit gibt den Berg zu passieren. Für Radfahrer gibt es jedoch meistens einen Weg am Berg vorbei, hier geht es zwar immer erstmal bergauf, aber die Mühe wird mit einer großartigen Aussicht belohnt. Am Soldatenfriedhof bei Hieflau lege ich die nächste Pause ein und sehe wie sich hinter mir dunkle Wolken zusammenziehen. Als ich weiterfahre, treffe ich zwei andere Radler, die die gleiche Etappe radeln. Wenig später fängt es an zu regnen und als dann noch Blitze und Donner hinzukommen, sind wir froh über den Bauernhof an der Straße, bei dem wir uns im Stall unterstellen können. Hier erleben wir ein richtiges Berggewitter mit so starkem Regen, dass bald der ganze Hof unter Wasser steht. Es dauert über eine Stunde bis wir weiterfahren können. Bis St. Gallen geht es lang bergauf, aber jetzt nach dem Gewitter herrscht eine ganz besondere, wie verzauberte Stimmung und plötzlich sehen wir rechts auf dem Felsen die Burg Gallenstein zwischen den Wolken. Bald erreichen wir unseren komfortablen Gasthof und freuen uns über das gute Essen. Da es abends weiterregnet, gehen alle früh schlafen.
St. Gallen – Großraming
Am Morgen ist vom Regen am Vortag nichts mehr zu sehen. Die Sonne scheint vom wolkenlosen Himmel und es soll wieder ein traumhafter Tag werden. Wir entscheiden uns den Transfer auf die Mooshöhe, der vom Wirt angeboten wird, in Anspruch zu nehmen. Oben auf 845 m weiden einige Kühe und man hat einen schönen Ausblick auf die Berge. Erst später kommt ein einziges Haus, in dessen Garten ein altes Ehepaar sitzt und seinen Hühnern beim Picken und Scharren zuschaut. Der Radweg verläuft völlig einsam bergab entlang eines Bachs in wunderschöner Berglandschaft. Heute gibt es zwei unterschiedliche Möglichkeiten zu fahren. Die flachere Strecke führt bergab durch einige Tunnel, die andere Möglichkeit ist bergiger. Ich nehme die zweite Variante, die hügelig durch den Wald führt. Unten an der Enns, wo sich beide Wege später wieder treffen, ist der Fluss besonders schön: Das Flussbett ist unverändert und das Wasser leuchtet grün. Ich finde eine Bank mit schönem Bergblick und genieße für lange Zeit einfach nur die Stille. Nur wenige Radfahrer und Wanderer kommen vorbei. Später radle ich noch ein Stück die Alternativstrecke mit den Tunneln, die sehr abwechslungsreich ist. Hügelig führt der Weg dann nach Großraming, meinem heutigen Übernachtungsort. Die Berge sind jetzt wieder grüner und nicht mehr so schroff wie auf der gestrigen Tour und es gibt viele Kuhweiden. Im Gasthof in Großraming habe ich ein Zimmer mit Balkon und Ausblick auf ein unbeschreibliches Bergpanorama. Die Sonne scheint und so verbringe ich den restlichen Nachmittag auf dem Balkon. Abends unternehme ich noch einen Spaziergang durch den Ort und gehe dann zurück auf meinen Balkon, um den Sonnenuntergang über den Bergen zu bewundern.
Großraming – Steyr
Heute Morgen besuche ich das Kutschenmuseum, das sich etwas außerhalb von Großraming auf einem Hof direkt am Radweg befindet. Der Besuch des Museums ist eine Reise in die Vergangenheit und versetzt mich in eine Zeit, in der es noch keine Autos gab. Neben ca. 60 Kutschen und Schlitten, die aus dem 18., 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts stammen, sind auch Beschirrungen und weiteres Zubehör ausgestellt. Die Restauration der Ausstellungsstücke erfolgt in der eigenen Tischlerei der Inhaber. Neben dem Kutschenmuseum befindet sich auch die Heimatstube von Großraming hier auf dem Hof, in der verschiedene sehr alte Möbel und Einrichtungsgegenstände ausgestellt sind.Meine letzte Radetappe verläuft hügelig und immer wieder entlang der Enns, die inzwischen ein breiter, ruhiger Strom geworden ist. Das braune Wasser weist auf den starken Regen vorgestern hin. Die Gegend verändert sich, es sind jetzt weniger die ruhigen Dörfer, an denen ich vorbeikomme und ich merke, dass ich mich der Stadt nähere. Steyr hat ca. 38.500 Einwohner und ist damit ein extremer Gegensatz zu den beschaulichen Dörfern, in denen ich die letzten Nächte verbracht habe. Während meiner Ankunft in der Stadt findet gerade die Ennstal Classic statt, ein Oldtimer-Autorennen. Durch diese Attraktion ist es natürlich sehr voll in der Innenstadt, zudem kommt die heutige Hitze, die sich hier staut. Deswegen halte ich mich erst im kühlen Hotelzimmer auf und schaue mir die Stadt erst nach einem wohltuenden Gewitter an. Dass Steyr eine wichtige Industriestadt und der Sitz von mehreren eisenverarbeitenden Firmen sowie der bekannten Steyr Nutzfahrzeuge AG ist, ist in der schönen Innenstadt kaum ersichtlich. Der Reichtum der Stadt, die im Mittelalter die reichste Oberösterreichs war, zeigt sich besonders an den prächtigen Häusern am Stadtplatz. Neben der Besichtigung der Innenstadt lohnt sich aber auch ein Bummel durch kleinere abgelegene Gassen mit ihren typisch österreichischen Bauwerken sowie ein Spaziergang entlang den Flüssen Steyr und Enns, die hier in Steyr zusammenfließen.Abends findet auf dem Stadtplatz ein Beachvolleyballturnier statt, es sind viele Besucher da und die Stimmung ist gut. Überall gibt es Essen und Getränke und ich bleibe noch lange, um die spannenden Spiele anzuschauen. Der Weg ins Hotel zurück ist kurz, denn dieses liegt direkt am Stadtplatz.
Abreise
Das unglaublich schöne Wetter der letzten Tage hat heute ein Ende, der Himmel ist grau und es regnet in Strömen. Meine Radreise ist hier beendet, denn ich reise direkt ab Steyr ab. Die Enns fließt weiter bis sie in der ältesten Stadt Österreichs, in Enns, in die Donau mündet. Die Donau wird mit der Fähre überquert und die Radtour verläuft weiter über Mauthausen bis nach Linz. Nach einer Übernachtung in der sehenswerten Hauptstadt Oberösterreichs kann weiter donauabwärts bis nach Wien oder sogar Budapest geradelt werden.Der Ennstal-Radweg von Radstadt nach Linz hat eine Länge von 225 bis 275 km und führt durch eine unberührte Berglandschaft, mal durchs Hinterland der Enns, mal direkt am Fluß entlang, der sein Aussehen ständig verändert. Die Etappen sind relativ anspruchsvoll, da die Gegend hügelig ist und auch die Teilstrecken direkt am Fluß nie völlig eben sind. Die ursprünglichen Übernachtungsorte und die abwechslungsreiche Landschaft entschädigen für den manchmal anspruchsvollen Routenverlauf. Zudem ist der Radweg selbst in der Hochsaison nie überlaufen, auch wenn man immer wieder an bekannten Städten und Sehenswürdigkeiten wie Radstadt, Schladming, Steyr, Linz oder dem Stift Admont vorbeikommt. Der Ennstal-Radweg ist daher sehr zu empfehlen für trainierte Radfahrer, die den Naturgenuß durch einige kulturelle Ausflüge ergänzen möchten und Wert auf gute, traditionelle Küche legen.




















