Nenn mich nicht Fahrradstadt!

Anfang August: Kristine Simonis, unsere Chefin, lädt uns zum Grillen zu sich nach Hause ein. Also bin ich mit einer Kollegin, die auch bis Feierabend im Büro war, ans andere Ende der Stadt geradelt. Als wir vom Karlsruher Schloss kommend die Hans-Thoma-Straße überqueren wollten, musste ich unwillkürlich an das Ergebnis des jüngsten Fahrradklima-Tests denken.

Karlsruhe: eine Fahrradstadt, die keine ist?
Karlsruhe: eine Fahrradstadt, die keine ist?

Vor uns warteten an der Ampel bereits viele Radfahrende und Fußgänger. Hinter uns vergrößerte sich stetig die Schlange der Wartenden. Ungewollt versperrten wir so den kompletten Geh- und Radweg. Radfahrende, die von links kommend in Richtung Willy-Brandt-Allee wollten, mussten sich erst mühsam an den vielen wartenden Menschen vorbeiquetschen.

Auf der uns gegenüberliegenden Seite warteten nicht ganz so viel Radfahrende und Fußgänger. Als die Ampel auf Grün sprang, war es trotzdem nicht so einfach, schadenfrei die Straßenseite zu wechseln. Die Grünphase reichte dafür kaum aus. Nach der Kreuzung verjüngt sich der Weg zu einem schmalen, getrennt verlaufenden Rad- und Gehweg. Auch hier heißt es also: sich einordnen und Reißverschluss-Prinzip anwenden.

Unter den Blinden ist der Einäugige König

Wieso erinnerte mich diese Szene an das Ergebnis des Fahrradklima Tests? Ganz einfach – Karlsruhe hatte in der Kategorie 200.000 – 500.000 Einwohner mit der Gesamtnote 3,1 den Sieg errungen. Aufgrund der Platzierung – Platz 1 unter 25 Städten – könnte man nun annehmen, dass die Stadt ein Paradies für Radfahrende wäre.

Ist sie aber nicht.

Sie ist vielleicht auf einem guten Weg dahin, aber es gibt auch bei uns noch jede Menge zu tun. Wir haben den ersten Platz nur errungen, weil die “Konkurrenz” (Münster und Freiburg folgten auf den Plätzen zwei und drei) noch stärker abgestraft wurde als wir.

Ein Schild, das auf Radwegschäden hinweist, ist günstiger als die Behebung der Schäden selbst.
Ein Schild, das auf Radwegschäden hinweist, ist günstiger als die Behebung der Schäden selbst.

Die Szene an der Ampel war beispielhaft dafür, woran es allerorten mangelt:

  • breite Radwege
  • ausreichend lange Grünphasen für Radfahrende und Fußgänger
  • baulich getrennt verlaufende Geh-/Radwege
  • genügend Aufstellfläche an Ampeln und Kreuzungen

Diese Liste ließe sich beliebig verlängern. Immer mehr Menschen wechseln vom Auto aufs Rad, aber die Infrastruktur hinkt hinterher. Immer noch sind unsere Städte autogerechte Städte. Dabei steht jeder privat genutzte PKW im Schnitt 23 Stunden am Tag herum. Eine konsequente Verkehrswende gelingt nur durch Verkehrsvermeidung und -verlagerung auf Fahrrad, Schiene und den öffentlichen Personennahverkehr.

Maßnahmen für eine Verkehrswende sind unpopulär

Wenn man den Radverkehr fördern will, müsste man dem Motorisierten Individualverkehr (MIV) Raum wegnehmen. Das ist nicht nur zu Wahlzeiten unpopulär. Stattdessen wählt Karlsruhe – wie viele andere Städte auch – die weitaus günstigere Variante: den Farbtopf oder Hinweisschilder.

Alltägliche Situationen auf den Fahrradwegen der "Fahrradstadt" Karlsruhe. Würden Sie hier Ihre Kinder alleine mit dem Rad fahren lassen?
Alltägliche Situationen auf den Fahrradwegen der „Fahrradstadt“ Karlsruhe. Würden Sie hier Ihre Kinder alleine mit dem Rad fahren lassen?

Ein Schild, das auf Radwegschäden hinweist, ist günstiger als die Behebung der Schäden selbst. Schutzstreifen für Fahrräder, die nicht baulich getrennt vom Autoverkehr sind, bieten nur dem Namen nach Schutz. Die Realität sieht anders aus. Würden Sie Ihre Kinder auf obigen Radwegen alleine mit dem Rad fahren lassen? Wahrscheinlich nur mit einem mulmigen Gefühl im Bauch. Da wundert es mich nicht, dass viele Eltern ihre Kinder dann lieber mit dem Auto zur Schule fahren. Wer aber “Elterntaxis” vermeiden will, muss auch für sichere Schulwege sorgen.

Eine unzureichende Infrastruktur hat noch einen weiteren negativen Nebeneffekt – sie provoziert Verstöße gegen die Straßenverkehrsordnung:

  • Wenn Radfahrende an einer Ampel Minuten brauchen, um eine mehrspurige Straße zu queren, reißt vielen schon mal der Geduldsfaden und die Straße wird trotz roter Ampel gequert, wenn sich eine Lücke im Verkehr auftut.
  • Wenn Schutz- oder Radfahrstreifen abrupt in Parkplätze münden oder zugeparkt sind, weichen ängstliche Radfahrende auf den freien Gehweg aus, um vorwärts zu kommen, statt auf die mit PKW verstopfte Straße zu ihrer Linken einzuscheren.

Und was lernen wir daraus?

Es gibt noch viel zu tun, wenn wir Städte wollen, in denen alle Verkehrsteilnehmer gleichberechtigt sind.

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